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Interview mit Dietmar Stubenbaum (1. Teil)

Ein Leben für die Kampfkunst

Interview mit Dietmar Stubenbaum (1. Teil)

geführt und editiert von Annemarie Leippert und Dr. Julian Braun

Dietmar Stubenbaum (geboren 1962) ist einer der Pioniere chinesischer Kampfkunst in Deutschland. Bereits in den frühen 1980er-Jahren bereiste er unter anderem Japan, Okinawa und Taiwan, um die Kampfkünste an ihren Quellen zu studieren. Auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1995 reiste er regelmäßig nach China, Taiwan und Japan, um seine Studien fortzusetzen. Neben dem Chen-Clan Taijiquan und den hierzulande kaum bekannten Kleinen-Rahmen-Taijiquan-Stilen aus der Gegend um Chenjiaguo, dem Kreis Wenxian und Bo´ai gilt sein besonderes Interesse seit langer Zeit der Entwicklung und Ausdifferenzierung des Xingyiquan (Xinyiliuhequan, Dai-Clan Xinyiquan, Che-Stil Xingyiquan, Song-Stil Xingyiquan und andere). Damit einher geht die Beschäftigung und Erforschung traditioneller chinesischer Waffenmethoden (insbesondere Speer, Schwert und Säbel) sowie ein seit seiner Jugendzeit bestehendes Interesse für die Geschichte, Theorie und Praxis europäischer Blankwaffen und westlichen Fechtens. In Friedrichshafen am Bodensee unterrichtet er das seltene Chen-Clan Taijiquan des Kleinen Rahmens (Xiaojia) in der direkten Übertragung durch die beiden Linienhalter Chen Peishan und Chen Peiju (beide 20. Generation Chen-Clan), sowie Che-Stil Xingyiquan und andere Xingyi-Methoden sowie Wangbao-Qiang.

Das hier vorgelegte Interview wurde von Annemarie Leippert und Julian Braun geführt. Dietmar Stubenbaum ist ein Lehrer und Könner, der nicht zuletzt durch sein bescheidenes Auftreten bemerkenswert ist. Auch liegt ihm seit jeher jegliches „Meister-Gehabe“ fern. Für uns, seine dankbaren Schüler, ist er „(unser Lehrer) Dietmar“, weshalb das Interview auch so wie es geführt wurde im vertraulichen „Du“ veröffentlicht wird.

 

Dein Interesse an der Kampfkunst begann schon sehr früh. Was hast Du in Deiner Jugend alles trainiert?

Damals gab es noch kein großes Angebot an asiatischen Kampfkünsten oder Kampfsportarten. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern wann ich begonnen habe. Es war im Kindesalter, in einem lokalen Judoverein. Wenn ich mich recht erinnern kann, war ich der jüngste und kleinste dort. In meiner Kinderzeit trainierte ich außerdem in einem Fechtverein und lernte dort das Florettfechten. Als Jugendlicher ging ich dann zum Karate, welches ich über viele Jahre hinweg betrieben habe.

 

Und zuvor, wie hat man damals im Verein gefochten?

Das war Sportfechten wie es Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre gefochten wurde. Der Fechtsport war gerade im Wandel und veränderte sich vom klassischen Fechten der Jahrhundertwende zu einem modernen Sport. Das geschah natürlich in unterschiedlichen Etappen. Von dieser Entwicklung wusste ich damals natürlich nichts. Zurückblickend kann ich aber heute sagen, dass im Unterricht noch sehr schulmäßig nach der klassischen Linie vorgegangen wurde.

 

Was für ein Karate hast Du betrieben? Und wer waren deine Lehrer?

Zuerst war da vor allem das sogenannte Shotokan Karate. Diese Methode war und ist am weitesten verbreitet. Ich hatte einige Lehrer, vor allem aber Günter Mohr, den ehemaligen Karate-Bundestrainer und Vizeweltmeister. Dann Norio Kawasoe, ein Abgänger der legendären Takushoku Universität und österreichischer Bundestrainer der Shotokan Karatedo International Federation. Über Lehrgänge lernte ich dann aber auch bei Kenyu Chinen das Shorinryu und Kobudo aus Okinawa.

Weiterhin lernte ich bei der außergewöhnlichen Karatelegende Hirokazu Kanazwa, der schon als junger Mann außer dem Karate auch bei Yang Mingshi (1924-2006), einem chinesischen Immigranten in Japan, das Yang-Taijiquan erlernt hat. Bei Kanazwa hatte ich dann auch die Gelegenheit das erste Mal Taijiquan zu sehen und auszuprobieren. Er demonstrierte auch unterschiedliche Anwendungen. Das hat mich sehr beeindruckt und prägte sich stark in meine Erinnerung ein.

Dann war dann auch noch Kazunari Hiura, der einen exotischen Stil mit dem Namen Inyo Ryu Kenpo Karate Jutsu Do, Goju Ryu Karate und Okinawa Kobudo unterrichtete. Mit Hiura bin ich dann auch nach Japan gereist.

 

Hattest Du noch andere Kampfstile gelernt?

 Als junger Erwachsener lernte ich außerdem Aikido, Kendo und Muso Shinden Ryu Iaido von Franz Gaschler, einem Pionier dieser Disziplinen in Deutschland. Franz, ein Nahkampfausbilder beim Militär, hatte selbst in Japan gelernt.

 

Was war dann letztendlich die ausschlaggebende Motivation nach Fernost aufzubrechen?

Das war vor allem der Drang asiatische Kampfkunst in den Ursprungsländern studieren zu können, und der Wunsch andere Kulturen kennen zu lernen. Natürlich als junger Mensch auch eine große Portion Abenteuerlust. Durch die vielen Erzählungen von Franz Gaschler, der länger in Japan gelebt hatte wurde ich in meinem Entschluss außerdem bestärkt.

 

Wohin ging es dann zuerst?

Mit dem schon erwähnten Kazunari Hiura bin ich dann in den früher 1980er-Jahren zum ersten Mal nach Japan aufgebrochen. Hiura wollte dort seine Familie, seine Lehrer und alte Trainingskameraden besuchen. Ich habe die Chance genutzt um mit Ihm zu reisen und durch ihn die nötigen lokalen Kontakte aufzubauen. Wir besuchten Kyoto, Seki und die Stadt Naha auf Okinawa.

 

Wo und was hast Du dann in Japan trainiert?

In Kyoto war das Inyo Ryu Hauptquartier, das von Hirayama Seiji und dessen Sohn geleitet wurde. In Seki war eine Zweigstelle des Stils, die von zwei Senior Schülern von Hirayama geleitet wurde. Als ich zum ersten Besuch ankam trainierten dort auch drei Ausländer aus Neuseeland, die Inyo Ryu Kenpo in einer Zweigstelle in Auckland lernten. Ich besuchte dann erst noch eine Zeit lang Okinawa, entschied mich aber dann intensiv in Seki das Inyo Ryu weiter zu lernen. Ich habe aber auch in Kyoto, Tokyo und auf Okinawa gelebt.

 

Kannst Du uns mehr zum Inyo Ryu Kenpo Karate Jutsu Do sagen?

Der Stil wurde 1963 von Hirayama Seiji offiziell begründet. Es ist nicht viel über die Historik bekannt. Hirayama lernte von einem in Japan lebenden Chinesen das sogenannte Juji Kenpo. Es wurde gesagt, dass das Training von den Schülern des chinesischen Lehrers das Letzte abverlangte. Hirayama war wohl der Einzige, der dieses Training über 10 Jahre durchgehalten hatte. Letztendlich begründete Hirayama dann seinen eigenen Stil aus unterschiedlichen Ressourcen und natürlich seiner eigenen Erfahrung.

Inyo bedeutet auf Chinesisch Yin-Yang und Kenpo bedeutet Quanfa. Es ist also ein Stil der stark von chinesischer Kampfkunst geprägt wurde, aber eben auf der anderen Seite auch das Karate und andere Einflüsse in sich trägt.

 

Wie sah der Stil aus und wie wurde in der Schule in Seki unterrichtet und trainiert?

Als Grundlage wurden die typischen Karate Techniken geübt. Kata und vor allen sehr viel Kampftraining. Da ging es schon ganz schön zu Sache. Ein weiterer Bestandteil war außerdem das Makiwara und Sandsacktraining.  Die Kenpo Techniken und auch etwas Taijiquan wurden an die drei Neuseeländer und mich privat von den Lehrern weitergegeben.

 

Was ist ein Makiwara?

Das ist ein zurückfedernder Holzpfosten (Schlagbrett), der in der Schule in Seki nahe der Wand aufgestellt war. Traditionell war oben die Schlagseite mit Reisstroh umwickelt. In Seki waren es starke Hanfseile die ihn bekleideten. Durch das Schlagen schmetterte man das Brett gegen die Wand. Dadurch dass das Schlagbrett nicht besonders nachgiebig war, erforderte es dementsprechende Technik und Schlagkraft. Es war an der Tagesordnung das man geschwollene und oft auch blutige Knöchel davontrug.

Ein zusätzliches Training, das mir meine neuseeländischen Kollegen vorstellten war, dass man ein grobes Feilenheft um den Makiwara band, welches man dann mit den Fäusten bearbeitete. Eines Tages zog ich mir durch dieses spezielle Training eine heftige Blutvergiftung zu, die chirurgisch behandelt werden musste. Am nächsten Tag ging das Training einarmig aber trotzdem weiter.

 

Dann war das Training also körperlich sehr fordernd?

Das kann man so sagen. Ein anderes Highlight war das alljährliche einmalige Wintertraining, bei dem man im eiskalten Fluss bis auf Bauchhöhe stand, und sich in den Grundtechniken und auch im Partnerkampf übte. Manch bibbernder Mitschüler hatte hinterher mit der Unterkühlung so seine Probleme, und es gelang einem kaum den wärmenden Teebecher zum Mund zu führen.

 

Wie bist du mit der Kultur in Japan klargekommen?

Ich habe mich ganz gut zu Recht gefunden, wobei das sicher auch daran gelegen hat, dass ich mit meinen drei neuseeländischen Übungspartnern und neugewonnenen Freunden zusammenlebte. Die Familien von zweien stammten ursprünglich aus Samoa, die des dritten aus Raratonga.

Das waren wirklich harte Jungs. Wir waren wie Brüder und haben alles geteilt. Ich habe auch in Japan gearbeitet um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Unter anderem bei einer Propangasfirma, bei der ich zusammen mit einem japanischen Kollegen die Haushalte im Umland mit Gasflaschen belieferte. Aber auch als privater Sprachlehrer, Barkeeper und in Tokyo nachts als U-Bahn Bauarbeiter. Da arbeitete man viel mit dem Schlagbohrer, um die Fliesen der U-Bahnstation zu reparieren. Interessant wurde es dann bei Erdbeben. Die Arbeit war nachts und es war ein reger Wechsel in der Belegschaft. Diesen Job wollten nicht viele Leute machen. Ich hatte immer japanische Arbeitskollegen, und abgesehen von meinen oben genannten Freunden nicht viel mit Ausländern in Japan zu tun. Ich war also integriert.

 

Kannst du uns noch ein bisschen was über das Leben in Japan zu dieser Zeit erzählen? Was hat dich beeindruckt? Was für Probleme gab es?

Die Zeit in Japan war in vielerlei Hinsicht lehrreich. Zum Beispiel die Leidenschaft und Hingabe, mit der die Kampfkünstler dort oft ihre Kunst betreiben. Disziplin gibt es in Japan aber nicht nur in den Kampfkünsten, sondern sie ist überall anwesend. So vor allem auch am Arbeitsplatz. Dann aber auch wieder die totale Kontroverse in der Freizeit, oft gekoppelt mit starkem Alkoholkonsum und dem häufig daraus resultierenden hemmungslosen Sich-Gehenlassen. Oder einfach nur den Lebensunterhalt zu bestreiten. Japan ist kein billiges Land!

 

Was hast Du neben dem Inyo Ryu noch in Japan trainiert?

Mein Hauptaugenmerk war das Kenpo, ich lernte aber auch Karate und Kobujutsu/Kobudo. Und sogar etwas Taijiquan wurde im Dojo in Seki geübt.

 

Wie bist Du letztendlich nach Taiwan und zu den chinesischen Kampfkünsten gekommen?

Die chinesischen Kampfkünste hatten mich schon länger interessiert. Durch das Kenpo Training und meine Gehversuche im Taijiquan war ich bereits in Japan damit konfrontiert worden. Auf Okinawa konnte man viele chinesische Einflüsse in den lokalen Systemen finden. In der Schule des Kobudo Lehrers Matayoshi Shinpo befand sich ein Arsenal von chinesischen Langwaffen. Der Vater von Matayoshi hatte lange Zeit in China studiert.

Letztendlich bin ich dann einer Einladung eines taiwanesischen Sprachwissenschaftlers gefolgt, den ich auf Okinawa kennengelernt hatte. Dieser hatte mir immer wieder beteuert, dass Taiwan der richtige Ort wäre um chinesische Kampfkünste in ihrem Ursprung zu studieren. Dieser Einladung bin ich dann letztendlich gefolgt (das war Mitte der 80er-Jahre).

 

Wir bedanken uns für das Interview und freuen uns, im 2. Teil mehr über deine erste Zeit auf Taiwan zu erfahren.

 

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